Zeit — So messbar wie unermesslich

‹Zeit – Von Dürer bis Bonvicini›, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, mit Rudolf Mumprechts Werk ‹Temps›, 1984 (vorne). Foto: Franca Candrian

‹Zeit – Von Dürer bis Bonvicini›, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, mit Rudolf Mumprechts Werk ‹Temps›, 1984 (vorne). Foto: Franca Candrian

Ohan Breiding & Shoghig Halajian · Tōhoku, 2011/2022/2023, 4-Kanal-Video, Ton, 5’57’’; Souvenir, 2023, 2-Kanal-Video, Ton, 15’27’’, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian

Ohan Breiding & Shoghig Halajian · Tōhoku, 2011/2022/2023, 4-Kanal-Video, Ton, 5’57’’; Souvenir, 2023, 2-Kanal-Video, Ton, 15’27’’, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian

Besprechung

Das Kunsthaus Zürich hat sich Grosses vorgenommen: Ganz in Grün, mit Rosa durchsetzt, geht es einem der «grossen Rätsel der Zivilisationsgeschichte» nach, widmet «sich explorativ der Ideengeschichte von Zeit» und «dem subjektiven Zeitgefühl». ­Immer packend, immer frag-würdig und hochaktuell.

Zeit — So messbar wie unermesslich

Zürich — Da ist das grosse Schrift-Zeichen-Bild ‹Temps›, 1984, von Rudolf Mumprecht, das einen poetisch-abgründig anspricht, mit Hand und Fuss, schön und mitmenschlich: «das Licht das der Zeit die Tiefe gibt»; «le temps s’use que si l’on ne s’en sert pas»; «le temps a une âme». Und schon ist man mitten in der Ausstellung, wenn auch erst in ‹Deep Time›, dem ersten von sechs Kapiteln, die das Kunsthaus Zürich unter dem Titel ‹Zeit› präsentiert. Man hat den starken Auftakt mit Monica Ursina Jägers Bildern des Entstehens, Vergehens, Zerrinnens in ‹Liquid Time – An Earthly Archive of Weathering Thoughts›, 2022, hinter sich oder die ebenfalls bewegten und bewegenden Bilder im Video von Ohan & Shoghig über weit gereistes Schwemmgut, erfüllt von Erinnerungen. Drei von gut 230 Werken in einer Schau, für die man sich viel Zeit nehmen sollte. Die man sehr subjektiv wahrnehmen darf, ist uns doch Zeit, die Zeit, hautnah auf den Leib geschrieben. Und auch die «objektive», gemessene Zeit rückt uns immer näher, nicht nur in Form von am Körper getragenen Uhren, wie sie um 1500 «erfunden worden sind, damit man ein geordnetes und tugendhaftes Leben führen kann» (Urkunde von 1544, zitiert im Katalog).
Einen «sinnlichen Streifzug durch die Geschichte der Zeit» verspricht Cathérine Hug, und das Begleitbuch ergänzt mit schönem Untertitel: ‹Eine Bildgeschichte von Zeitbegriffen›. Der Kuratorin, die mit grossen thematischen Aus- und Fragestellungen vertraut ist, hat in Zusammenarbeit mit dem Musée international d’horlogerie in La Chaux-de-Fonds eine sehr offene Ausstellung konzipiert, in die man sich und die eigenen Zeiterfahrungen einbringen kann. Und ja, was Hug dem Publikum wünscht, gelingt: «Man kommt gut gelaunt aus dieser Ausstellung heraus.» Die Werke der über hundert Kunstschaffenden und der zehn Uhrmacher reflektieren über die Trias von Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft, mit Blick ins Weltall wie bei Thomas Ruff, auf Lebenszeit wie bei Manon und Herlinde Koelbl oder auf Tod, Schlaf, Traum. Getaktet, bewahrend, meditativ – oder irrsinnig, wie im aufschluss- und uhrenreichen Kapitel ‹Ökonomische Zeit› die Börsen-Filme von Hans Richter (1939), Tim Zulauf (2022) und der grossartige Film ‹Unrueh›, 2022, von Cyril Schäublin, der auch ins folgende vierte Kapitel ‹Politische Zeit› gepasst hätte. Nicht alles in dieser enzyklopädischen Schau, die mit ‹Eigenzeit› schliesst, leuchtet unmittelbar ein. Doch mit so viel Taktgefühl und philosophisch angeregt verlässt man selten ein Museum. 

Bis 
14.01.2024
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Zeit 22.09.202314.01.2024 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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