Your Voice, Keep Breathing — Raum zum Zuhören

‹Your Voice, Keep Breathing›, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Lorin Greub

‹Your Voice, Keep Breathing›, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Lorin Greub

Besprechung

Das Kunsthaus Langenthal präsentiert in ‹Your Voice, Keep Breathing› zehn unterschiedliche Audioarbeiten von Künstler:innen, die Stimme als Medium nutzen. Der Rundgang ermöglicht das Eintauchen in eine akustische Parallelwelt und fordert die Auseinandersetzung mit der eigenen Aufmerksamkeit.

Your Voice, Keep Breathing — Raum zum Zuhören

Langenthal — Im zweiten Stock des Kunsthaus Langenthal ist es sehr leise – das erstaunt, bei ‹Your Voice, Keep Breathing› geht es nämlich ums Zuhören. Das Haus präsentiert zehn Audioarbeiten, die von unterschiedlichen Künstler:innen eigens für diesen Kontext geschaffen wurden. Ein neongelber Vorhang webt sich wie eine Schallwelle durch die Ausstellungsräume und führt zur ersten Audiostation. Sobald ich die von der Decke hängenden Kopfhörer aufsetze und mich so mit der Szenografie verkable, verschwinden Schritte und Geflüster der Besucher:innen – und es wird auf einmal sehr laut. Die erste Audioarbeit besteht aus imitierten Meeressäugerlauten der Sängerin, Klang- und Performancekünstlerin Julie Semoroz, im selben Raum reagiert darauf ein sanfter Dialog zwischen menschlicher Stimme und Saxofon der Künstlerin tina omayemi reden und des Saxofonisten Tapiwa Svosve.
Der Ausstellungsbesuch ist ein Tauchgang von Soundbubble zu Soundbubble; jedes Kopfhöreraufsetzen ein kleines Abenteuer. Es ist bemerkenswert, wie die teilweise komplett unterschiedlichen Arbeiten durch ihre räumliche Nähe miteinander sprechen: Text oder Gesang mit Atmung, artifizielle Klänge mit organischen Geräuschen und Rhythmen. Die einzelnen Beiträge verweben sich so zu einem grossen Klangteppich. Inhaltlich befassen sich die Positionen mit Themen, die von Hydrofeminismus über Resilienz bis zu Heilpflanzen und Cyborgs reichen. Die schlichte Inszenierung der Audiostationen hilft, den Fokus weg vom Visuellen auf das Gehör zu richten; das Erleben der Ausstellung wird auch zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Aufmerksamkeit. Unweigerlich stellt sich die politische Frage, wem zugehört wird und wem nicht: Welche Stimmen erhalten eine Plattform? Und welchen höre ich als Besucherin länger zu? Womit kann ich mich identifizieren, welche machen ungeduldig? An den Wänden ist jeweils die Dauer der Audios notiert – weil sie im Loop abgespielt werden, gibt es aber weder einen klaren Anfang noch ein gekennzeichnetes Ende. Bei einigen Arbeiten wünschte ich mir bequemere Sitzgelegenheiten, um mir das Zuhören möglichst angenehm zu machen. Der demokratische Aspekt der Kuration ist allerdings bei dieser Sammelausstellung eine grosse Stärke: Jede akustische Blase wird gleich inszeniert, das verunmöglicht eine vorschnelle Wertung. Das Abstreifen der letzten Kopfhörer ist schliesslich wie ein Auftauchen aus einer Parallelwelt, und die Bilder nehmen wieder Überhand.

Bis 
19.11.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Your Voice, Keep Breathing 03.09.202319.11.2023 Ausstellung Langenthal
Schweiz
CH
Autor/innen
Ava Slappnig

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