Stranger in the Village — Rassismus entlernen

‹Stranger in the Village – Rassismus im Spiegel von James Baldwin›, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau, Werke von Omar Ba, Kader Attia, Martine Syms, Uriel Orlow © ProLitteris. Foto: D. Aebi

‹Stranger in the Village – Rassismus im Spiegel von James Baldwin›, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau, Werke von Omar Ba, Kader Attia, Martine Syms, Uriel Orlow © ProLitteris. Foto: D. Aebi

James Bantone · Child’s Play, 2022, Neopren, Garn, Anzug, Sicherheitsnadeln, Masse variabel, ­Courtesy Karma International, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: David Aebi

James Bantone · Child’s Play, 2022, Neopren, Garn, Anzug, Sicherheitsnadeln, Masse variabel, ­Courtesy Karma International, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: David Aebi

Sasha Huber · The Firsts – James Baldwin (1924–1987), 2018, Metallklammern auf ­Fensterladen in Leukerbad, 69 x 49 cm © ProLitteris. Foto: Siro Micheroli

Sasha Huber · The Firsts – James Baldwin (1924–1987), 2018, Metallklammern auf ­Fensterladen in Leukerbad, 69 x 49 cm © ProLitteris. Foto: Siro Micheroli

Jonathan Horowitz · Power, 2019, PVC-Platten, total 65,7 x 509 cm, Courtesy Sadie Coles HQ, London, ­Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: David Aebi

Jonathan Horowitz · Power, 2019, PVC-Platten, total 65,7 x 509 cm, Courtesy Sadie Coles HQ, London, ­Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: David Aebi

Vincent Kohler · Schokokuss, 2012, Kunstharz, 60 x 60 x 60 cm

Vincent Kohler · Schokokuss, 2012, Kunstharz, 60 x 60 x 60 cm

Namsa Leuba · Power, aus der Serie ‹Zulu Kids›, 2014, Inkjet-Print, 42 x 33,6 cm

Namsa Leuba · Power, aus der Serie ‹Zulu Kids›, 2014, Inkjet-Print, 42 x 33,6 cm

Pierre Koralnik · Un étranger dans le village, 1962, mit James Baldwin, Video, 28’ © RTS

Pierre Koralnik · Un étranger dans le village, 1962, mit James Baldwin, Video, 28’ © RTS

Fokus

Nach dreimonatiger Sanierung widmet sich das Aargauer Kunsthaus zur Wiedereröffnung einem dringlichen gesellschaftlichen Thema: dem Rassismus. Und zwar im Spiegel von James Baldwin. Es zeigt, wie ein Schweizer Museum zu diesem Thema ausstellen kann, ohne den eigenen, weissen Blick zu reproduzieren, aber auch, dass noch viel Arbeit bleibt. 

Stranger in the Village — Rassismus entlernen

«Von der Warte der Macht aus betrachtet können diese Menschen nirgendwo auf der Welt Fremde sein; genau genommen haben sie die moderne Welt erschaffen, ob sie es nun wissen oder nicht. Noch die Ungebildetsten unter ihnen sind auf eine mir verwehrte Weise mit Dante, Shakespeare, Michelangelo, Aeschylus, Da Vinci, Rembrandt und Racine verwandt …» Es sind Worte wie diese, die in ihrer Pointiertheit unmittelbar betroffen machen und noch lange nachwirken. Im Essay ‹Stranger in the Village›, 1953, verarbeitete der US-amerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin (1924–1987) den Schock, den seine Begegnung mit den Einwohner:innen des Bergdorfs Leukerbad auslöste. Die Rassismus-Debatten im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung, die Kontroversen zum kolonialen Erbe der Schweiz und ihrer Rolle im transatlantischen Sklavenhandel und nicht zuletzt die aktuell breite Rezeption von Baldwins Werk nahm die Kuratorin Céline Eidenbenz  zum Anlass, im Aargauer Kunsthaus den Rassismus im Spiegel von James Baldwin und der Kunst zu thematisieren. Exemplarisch rückt dabei oft, aber nicht ausschliesslich, die Schweiz in den Fokus.  Damit keine Verletzungen stattfinden und die strukturelle Gewalt nicht reproduziert wird, hat sich das Team des Aargauer Kunsthauses, das mehrheitlich aus weissen Menschen ohne Rassismuserfahrung besteht, von einem eigens gegründeten ­Advisory Board beraten lassen und sich in Workshops weitergebildet.

James Baldwin im Spiegel der Kunst
So war es laut Eidenbenz eine gemeinsame Entscheidung, die Ausstellung mit James Baldwins Stimme beginnen und enden zu lassen. Für den Film ‹Un étranger dans le village›, 1962, von Pierre Koralnik, kehrte der Autor knapp zehn Jahre nach der Veröffentlichung seines Essays nach Leukerbad zurück. Auch der zweite Raum ist der Person Baldwins gewidmet: Dokumente bezeugen seine Verbindung zur Schweiz und die gezeigten Werke, wie er und seine Texte zu Sujets der Kunst wurden. So etwa das Porträt ‹James Baldwin I›, 1965, das Hanny Fries (1918–2009) an einer Lesung in Zürich mit Kugelschreiber zeichnete. Oder ein Foto von ‹The Firsts – James Baldwin (1924–1987)›, 2018, ein Bildnis des Schriftstellers, das Sasha Huber (*1975) mit einer Heftpistole an einen Fensterladen in Leukerbad schoss und ihm damit ein Denkmal setzte. Im Weiteren öffnet sich die Ausstellung diversen Positionen und Perspektiven, insbesondere von BIPoC (Black, Indigenous, Person/People of Colour), die im Kunstfeld nach wie vor zu wenig sichtbar sind, und die, begleitet von Zitaten aus Baldwins Text, spezifische Aspekte des komplexen Themas beleuchten.
Die Figur ‹Childs Play 01›, 2022, von James Bantone (*1992) diente als Vorlage für das Ausstellungsplakat und erinnert an Baldwins Schilderungen, wie die Kinder in Leukerbad sich schwarz anmalen, ungeniert seine Haare berühren, auf ihn zeigen oder ihm das N-Wort zurufen. Umgekehrt lässt sich die schwarze Gestalt mit dem ausgestreckten Arm als Schwarzes Kind deuten, das weisse Besucher:innen auffordernd fragt: «Profitierst du vom Rassismus?» Unbehaglich fühlen sie sich, in Baldwins Worten, des «Juwels der Naivität» beraubt, in deren Bewahrung «eine Menge Willenskraft» gesteckt wurde: «Weisse halten Schwarze gern auf Distanz, weil sie so leichter ihre Schlichtheit wahren und vermeiden können, für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden, die ihre Vorfahren verübt haben oder ihre Nachbarn.» Eine Schlichtheit, welche die Welt selbstverständlich als Weisse für Weisse voraussetzt, währenddem diese normalisierte Dominanz für alle «Anderen», die als «Fremde» gelten, unnatürlich und von struktureller Gewalt geprägt ist – eine Gewalt, die verdrängt und verleugnet wird.

Schwarze Körper
Das Schwarze Kind scheint sich auch im Spiegel zu befragen: «Leide ich unter Rassismus?» Wie in Bantones Installation leben BIPoC in der unendlichen Reflexion zwischen zwei Spiegeln: dem Spiegel der entfremdenden Gesellschaft und dem Spiegel des Fremden, das sie sich selbst sind. Was bleibt, ist (selbst-)kritische Reflektiertheit und selbstironische Distanz. Doch wie hält man Intellektualität und Ironie im Angesicht von Gewalt und Grausamkeit durch? Der Wandtext ‹Life is Better When I’m Cruel›, 2016, von Martine Syms (*1988) gibt in seiner entlarvenden Parodie von Lebensratgebern und Kalendersprüchen die einzige mögliche Antwort: gar nicht.
Im Spiegel von in der Schweiz lebenden Schwarzen führt Sirah Nying (*1998) mit ihrer Videoarbeit ‹weisse Augen, schwarze Haut›, 2022, den Besucher:innen den alltäglichen Rassismus vor Augen, den BIPoC auch heute noch in der Schweiz erleben. Es wird einem bewusst, welch Privileg es ist, nicht in ständiger Angst vor verbaler oder körperlicher Verletzung leben zu müssen. Denn struktureller Rassismus tötet auch: Das auf Normen, Vorurteilen und Stereotypen basierende «Racial Profiling» führt immer wieder zu tödlicher Polizeigewalt. Nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz. Sasha Huber hat drei solchen Opfern in ihrer Serie ‹Shooting Stars› Porträts gewidmet: ‹Mike Ben Peter Amadasum (Nigeria 1983–2020 Schweiz)›, 2023, ‹Hervé Bondembe Mandundu (Kongo 1989–2016 Schweiz)›, 2023, und ‹Nzoy Roger Wilhelm (Schweiz 1984–2021 Morges, Schweiz)›, 2023.

Weisse Wände
Leere, aufgemalte Rahmen auf der weissen Wand wiederum zeigen beispielhaft die eigene Sammlung, wie sie aussähe, wenn man alle Werke von weissen Künstler:innen ausblenden würde, und umgekehrt, wie wenig Kunst von BIPoC in vielen, auch Schweizer Sammlungen vertreten ist. Einzig das Gemälde ‹Margaridas Brancas›, 1973, der afrobrasilianischen Künstlerin Maria Auxiliadora hängt dort als Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Selbstkritisch befragt das Aargauer Kunsthaus die eigenen Bestände und legt den Finger auf den wunden Punkt des institutionellen Rassismus: Wer sammelt was für wen? Die Kuratorin Céline Eidenbenz hofft, dass einige der ausgestellten Werke Eingang in die Sammlung finden werden. Die Ausstellung ist auch Anstoss eines mehrjährigen Prozesses, in dem die Sammlung hinsichtlich Provenienz, problematischer Titel und Darstellung der «Anderen» geprüft werden soll.
Es gibt keinen neutralen Boden
Die Geschichten, die ans Licht kommen, sind tragisch. Der senegalesische Künstler Omar Ba (*1977) erzählt in den surrealen, albtraumhaften Szenerien von ‹Devoir de mémoire›, 2023, von der Kolonialisierung, Versklavung, Verschleppung und Missionierung afrikanischer Menschen durch Europäer:innen. Phantasmagorische Figuren auf schwarz-weissem Schachbrettmuster zeugen von menschenverachtenden Strategien und menschlichen Schicksalen. Ein monumentales Bild, gemalt auf zu einer Mauer getürmten Kartonschachteln, als würde Ba alle Geschichten der Gewalt, aber auch des Lebenswillens, die versorgt in den Archiven begraben liegen, auspacken.
Auch die Schweiz als Land ohne Kolonien war und ist in (post-)koloniale Machenschaften verstrickt – trotz oder gerade wegen des Deckmantels der hochgehaltenen Neutralität. Das zeigt Denise Bertschi (*1983) eindrücklich mit ‹Neutrality as an Agent. Please ensure the gate is properly closed …›, 2022, einer multimedialen Serie über den «Swiss Club» in Südafrika: Harmlos scheinende Vereinsmeierei geht einher mit der Banalität des Kolonialismus. Kaffee, Zucker, Fetische – alles wird zur Ware, zum Objekt, zum Exponat. Auch die scheinbar rein wissenschaftliche Praxis des Sammelns, Vermessens und Kategorisierens ist eine koloniale und wirkt noch in heutigen Bildregimen nach: vom ethnografischen Blick zum exotisierenden, weissen Blick. Stereotype wie enteignende Darstellungen des «Fremden» und «Anderen» ironisiert und reappropriiert Namsa Leuba (*1982) in ihrer Fotoserie ‹Zulu Kids›, 2014.
Doch selbst gut gemeinte Bemühungen um «Empowerment» und «Diversity» laufen stets Gefahr, in blosses «Diversity Washing» umzukippen und stellen Betroffene vor unlösbare Probleme. Jonathan Horowitz (*1977) illustriert das Dilemma mit seiner Arbeit ‹Power›, 2019, in Bezug auf die in der digitalen Kommunikation beliebten Emojis. Entweder wählen BIPoC für die dort verfügbaren Figürchen und Handgesten eine Hautfarbe und machen sie sichtbar, wo sie unsichtbar sein könnte, oder BIPoC wählen den gelben «Default» und löschen ihre Identität aus. Weissen Menschen hingegen ermöglicht die Standardeinstellung scheinbar, «color blind» Diskussionen über Hautfarbe und Rassismus zu vermeiden.

Lernen und Entlernen
Wie kann also ein Schweizer Museum zu Rassismus ausstellen, ohne Klischees oder den eigenen, weissen Blick zu reproduzieren? Diversen Stimmen Raum geben, zuhören, kritische Selbstreflexion, Partizipation, Inklusion – und sei es in Form eines Advisory Board, das aus Expert:innen zum komplexen Thema besteht. Dieses riet beispielsweise zu einem Glossar, hinterfragte aber auch Grundsätzliches. So etwa die Tatsache, dass diese Ausstellung nur eine spezifische Form des Rassismus thematisiere, nämlich den Anti-Schwarzen-Rassismus. Der Fokus rechtfertigte sich jedoch durch den engen Bezug auf James Baldwin. Zur Sensibilisierung für die Omnipräsenz von Rassismus und zur Entwicklung eines antirassistischen Bewusstseins wurde zudem stärker als sonst die Vermittlung involviert. So schuf Laura Arminda Kingsley zwei partizipative Räume, die rund um die Frage «Wie wollen wir zusammenleben?» zu Selbstreflexion, Bildung und Dialog einladen.
Sasha Huber, die in der Ausstellung prominent vertreten und auch Mitglied des Advisory Board ist, betont, dass es am Ende des Prozesses normal sein sollte, dass Ausstellungen diverse Positionen zeigen, BIPoC-Künstler:innen also nicht gesondert ausgestellt werden. Der Kuratorin Céline Eidenbenz ist bewusst, dass dies nur erste Schritte hin zu einer nachhaltigen Entwicklung sind. «Es bleibt noch viel Arbeit!», wiederholt sie oft im Gespräch. Gegen Tabuisierung helfe nur schonungslose Ehrlichkeit, der Wille zum (Ent-)Lernen, aber auch die Toleranz für Fehler. Denn es nütze niemandem, wenn man aus Angst vorm Scheitern gar nicht erst anfängt.

Anm. d. Red.: Dieser Text verwendet die antirassistische Schreibweise (weiss klein, kursiv; Schwarz gross).

Michel Rebosura, Philosoph und Religionswissenschaftler, arbeitet als Kommunikationsverantwortlicher, Kulturjournalist und Kurator in Luzern. michel.rebosura@gmail.com

 

Bis 
07.01.2024

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