ReCollect! — Radikale Priester, Punk und Böcklin

Daniela Ortiz · Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich. Darstellung von Camilo Torres, Josimo Morais, Thomas Müntzer, Dorothy Stang und Alice Domon, 2023, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian

Daniela Ortiz · Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich. Darstellung von Camilo Torres, Josimo Morais, Thomas Müntzer, Dorothy Stang und Alice Domon, 2023, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian

Besprechung

Wie geht eine Institution wie das Kunsthaus Zürich mit der Sammlung und somit mit der eigenen Geschichte, die auch jene ihrer Stadt ist, um? ‹ReCollect!› setzt als Anfang einer ganzen Reihe von Interventionen neue Massstäbe und macht Hoffnung auf eine radikale Selbstbefragung.

ReCollect! — Radikale Priester, Punk und Böcklin

Zürich — Die von Mirjam Varadinis kuratierten Interventionen zielen im wahrsten Sinne des Wortes aufs Eingemachte. Auf jene Bereiche der Sammlung des Kunsthaus Zürich, die schon lange in ihrem eigenen Saft schmoren, die Gestelle des Kellers füllen, und bei denen man nicht mehr weiss, ob sie noch geniessbar sind. Die im sozialen Netz entstandene Kunstfigur Hulda Zwingli macht im Parterre den Anfang. Minutiös werden die Sammlungsbestände nach Spuren von Künstlerinnen durchforstet, die bis heute andauernde Unterrepräsentation aufgezeigt und in grössere Zusammenhänge des Kunstmarktes gestellt. Viele erstaunen die Befunde nicht, doch ein älteres Semester mag im andächtigen Rundgang durch die Sammlung gestört werden. Was auch an der durchaus rotzigen, dem Format des «Social Network» angepassten Interventionsmodus liegen mag. Ein wesentlicher Aspekt, der neu in den Diskurs tritt: Das Ignorieren der Künstlerinnen in der Kunstgeschichte führt auch zu mangelnder Sorgfalt in der Archivierung und Konservierung von Teilen einer Sammlung.
Zwingli als historische Figur taucht auch im zweiten Stock auf. Die gebürtige Peruanerin Daniela Ortiz (*1985) stellt hier ihre Wollstickereien und kleinen, an Votivbilder mahnenden Ölmalereien den Kupferstichen von Hans Sebald Beham (1500–1550) gegenüber und verbindet so die Bauernaufstände von 1524–1526, die stark von den Schriften Zwinglis beeinflusst waren, mit dem Kampf um Landreformen im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts. So findet der revolutionäre Theologe Thomas Müntzer (1489–1525), der in Mülhausen enthauptet wurde, mit Camilo Torres (1929–1966) zusammen, einem kolumbianischen Priester und Vordenker der Befreiungstheologie, der sich der Guerilla ELN anschloss und 1966 von der kolumbianischen Armee getötet wurde. Die Bildsprache von Ortiz unterläuft dabei bewusst gängige ästhetische Normen des Globalen Nordens. Sie lehnt ihre Werke an die lateinamerikanische Volkskunst an, deren revolutionäres Potenzial sie wirksam zu machen sucht. Deutlich wird diese formale Distanz vor allem in der Gegenüberstellung mit den Interventionen von Ida Ekblad und Matias Faldbakken im dritten Stock, die äusserst souverän mit dem Vokabular der europäischen Kunstgeschichte umgehen, dieses entfremden und überarbeiten, ins Ungefähre entführen, um ihm neuen Boden zu geben. Die nun gezeigten Arbeiten dienen gleichsam als Vorschau auf die nächste Intervention von Ekblad in der Sammlung und machen durchaus Lust auf mehr. 

→ ‹ReCollect! – Wie Künstler:innen die Kunsthaus-Sammlung sehen›, Kunsthaus Zürich, bis auf ­Weiteres ↗ kunsthaus.ch

Autor/innen
Damian Christinger
Künstler/innen
Daniela Ortiz

Werbung