Niko Pirosmani — Ein moderner Bauernsohn

Niko Pirosmani · Reh vor einer Landschaft, nicht datiert, Öl auf Karton, 98,5 x 70,5 cm, Sammlung Shalva ­Amiranashvili Museum of Fine Arts, Georgisches Nationalmuseum, Tbilissi © Infinitart Foundation

Niko Pirosmani · Reh vor einer Landschaft, nicht datiert, Öl auf Karton, 98,5 x 70,5 cm, Sammlung Shalva ­Amiranashvili Museum of Fine Arts, Georgisches Nationalmuseum, Tbilissi © Infinitart Foundation

Hinweis

Der westliche Kanon der Kunstgeschichte ortet Innovation und Entwicklung vor allem im Bruch zu Traditionen. Niko Pirosmani widersetzt sich diesem Narrativ: Seine Bilder haben ihr Zuhause in der volkstümlichen Überlieferung. Jetzt verspricht der Georgier, unsere Moderne in Richtung Osten zu öffnen.

Niko Pirosmani — Ein moderner Bauernsohn

Basel / Riehen — Niko Pirosmani (1862–1918) malte die Bärenmutter, den Fuchs und das Reh. Er malte eine Bäuerin, Tischgesellschaften oder einen Ostertisch mit Lamm am Bach. Den Pinsel zu führen hatte er sich selbst beigebracht, um das Leben darzustellen, wie es sich ihm zeigte. Dem Mädchen mit Schmetterlingsnetz und Luftballon gab er eine ebenso markante Kopfbedeckung wie dem Fischer, der knöcheltief vor schwarzem Grund im Wasser steht: Ein Strohhut umkreist gelb sein Gesicht und macht die profane Figur schlicht zum Heiligen. «Man sieht Pirosmani und glaubt an Georgien», formulierte der Schriftsteller Grigol Robakidse schon 1926. An Georgien zu glauben heisst heute, zu staunen: So im Frieden mit den Farben der Folklore, so erzählfreudig, so unbekümmert erfinderisch im Umgang mit religiös konnotierter Figuration war moderne Kunst lange nicht zu sehen.
Auch wenn er immer wieder in seine ländliche Heimat im Osten des Landes zurückgekehrt sei: Sein hauptsächlicher Wirkungskreis verdankte der früh verwaiste Autodidakt der Stadt mit ihrer multikulturellen Bevölkerung, ihren Tauschgeschäften, Handwerksbuden, Musikanten und Tavernen: Tiflis war ein «Melting Pot», der einen Gebrauchskünstler wie ihn ernähren konnte. In seinen armen Jahren schuf er Wandschmuck, Wirtshausschilder und Porträts für Kost und Logis. Noch zu Lebzeiten vor allem von Künstlern an nicht-akademische Ausstellungen vermittelt, ist Pirosmani längst im Museum und inzwischen auch im internationalen Kunstbetrieb angekommen. Die Fondation Beyeler, die mit über fünfzig «Hauptwerken» zu seiner bisher grössten Einzelausstellung im Westen einlädt, versucht beides: Pirosmani als Meister vorzustellen, der ohne Weiteres Anschluss findet an seine in Paris geschulten Zeitgenossen. Und seiner eigentümlich naiven Intelligenz, mit dem White Cube nicht Herkunft, Heimat und Verwurzelung zu stehlen. Gastkurator Daniel Baumann schöpft auch im Katalog aus einem langjährigen Dialog mit georgischen Kolleg:innen und schlägt mit zwei künstlerischen Positionen eine Brücke ins Hier und Jetzt. Andro Wekua platziert ein «äsendes Reh» in ein rundum mit weissem Vorhang ausgestattetes Kabinett. Ergänzt um eine emaillierte Blume und eine Madonna aus seinem eigenen Kosmos, heiligt die Installation den Zauber des Vergänglichen, wie er Pirosmanis archetypische Figuration insgesamt untermalt. Thea Djordjadze schuf eine lichte Raumskulptur, die als Träger von historischen Bildern und sprachlicher Information jede nostalgische Aneignung auch als vorläufig befragt. 

Bis 
28.01.2024
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Niko Pirosmani 17.09.202328.01.2024 Ausstellung Basel/Riehen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Niko Pirosmani
Autor/innen
Isabel Zürcher

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