Marianne Halter & Mario Marchisella — Poetische Abgesänge

Marianne Halter & Mario Marchisella · You are my Ghost, 2021, 2-Kanal-Videoinstallation, Sound, Ausstellungsansicht Haus für Kunst Uri, Altdorf. Foto: F.X. Brun

Marianne Halter & Mario Marchisella · You are my Ghost, 2021, 2-Kanal-Videoinstallation, Sound, Ausstellungsansicht Haus für Kunst Uri, Altdorf. Foto: F.X. Brun

Marianne Halter & Mario Marchisella · Old Town New Town, 2023, 3-teilige Rauminstallation mit ­Videoprojektion, Ausstellungsansicht Haus für Kunst Uri, Altdorf. Foto: F.X. Brun

Marianne Halter & Mario Marchisella · Old Town New Town, 2023, 3-teilige Rauminstallation mit ­Videoprojektion, Ausstellungsansicht Haus für Kunst Uri, Altdorf. Foto: F.X. Brun

Besprechung

Videos, Zeichnungen, Objekte und Klänge: Das Schweizer Künstlerpaar Marianne Halter und Mario Marchisella verwandelt in seiner Ausstellung ‹Bühnen, Brachen und zwei Plattenspieler› das Haus für Kunst Uri in Altdorf in einen immersiven, akustisch-visuellen Erlebnisraum: virtuos, poetisch und prägnant.

Marianne Halter & Mario Marchisella — Poetische Abgesänge

Altdorf — Draussen ist man umgeben von den felsigen Hängen der Urner Berge, doch kaum betritt man das Haus für Kunst Uri, nehmen einen Marianne Halter (*1970) und Mario Marchisella (*1972) mit in die Ferne. Zum Beispiel nach Schanghai: In der Videoinstallation ‹Old Town New Town›, 2023, ist ein Mann in Anzug – Marchisella selbst – zu sehen, der bedächtig durch die Altstadt der chinesischen Metropole mit ihren teils heruntergekommenen Häusern schreitet. Dazu schlägt er mit Trommel und Schlaghölzern einen einfachen Rhythmus, der nur unterbrochen wird von den lautstarken Warenanpreisungen von Verkäufer:innen, deren deutsche Übersetzungen als Laufschriften über im Raum verteilte LED-Displays ziehen: «Ausverkauf!», «Grosse Räumung!» Plötzlich wird der Gang des Mannes zu einer Art  Trauerzeremonie, musste doch in den letzten Jahren ein Grossteil der Altstadt modernen Bauten weichen.
Der städtische Raum und seine Veränderungen sind zentrale Themen in der von Barbara Zürcher kuratierten Schau. Auch in der Arbeit ‹Fine›, 2017. Aus grosser Höhe blicken wir auf den Markusplatz in Venedig. Tourist:innen schlendern gemütlich über die Piazza, nur einer ist zielstrebig unterwegs: der elegant gekleidete Mann, der mehrfach in der Schau auftaucht; ein Wiedergänger, ein Prophet. Mit 6,5 Litern San-Benedetto-Mineralwasser giesst er das italienische Wort «Fine» auf den Platz – so gross, dass es nur von Weitem zu erkennen ist. Ein Ende haben nicht nur die verdunstenden Buchstaben, sondern auch Venedig selbst, dürfte die Lagunenstadt doch aufgrund steigender Meeresspiegel irgendwann verschwinden.
So schwer manche Themen wiegen, durchzieht die Arbeiten von Halter und Marchisella doch oft eine Leichtigkeit. Nicht zuletzt wegen der Absurdität mancher Versuchsanordnungen: Der Trommler etwa zieht neugierige Blicke von Stadtbewohner:innen auf sich; und beim Gedanken an die irritierten Venedig-Gäste angesichts des Mannes, der scheinbar sinnlos, aber gezielt Wasser vergiesst, schmunzelt man. Zusammengehalten wird die Ausstellung dabei durch den Ton. Klänge, Rhythmen und Geräusche benachbarter Arbeiten gehen ineinander über und machen den Gang durch die Räume zu einem immersiven Erlebnis. Und so verlässt man das Haus für Kunst gleichermassen inspiriert wie nachdenklich. 

Bis 
19.11.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
MARIANNE HALTER & MARIO MARCHISELLA 09.09.202319.11.2023 Ausstellung Altdorf
Schweiz
CH
Künstler/innen
Marianne Halter
Mario Marchisella
Autor/innen
Tobias Söldi

Werbung