Jan Vorisek — Rückkoppelung, Engführung, Nachhall

Jan Vorisek · Thousand Years of Poor Connection, 2022, Stahl, Drähte, Papier, Filter, Holz, Drucke, Kunststoff, Stoff, 139 x 301 x 5 cm, Courtesy Arcadia Missa, ­London, Ausstellungsansicht Kunst ­Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek · Thousand Years of Poor Connection, 2022, Stahl, Drähte, Papier, Filter, Holz, Drucke, Kunststoff, Stoff, 139 x 301 x 5 cm, Courtesy Arcadia Missa, ­London, Ausstellungsansicht Kunst ­Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek

Jan Vorisek

Jan Vorisek · Devotion Strategy pt. 2 (braced version), 2023, PVC-Gewebe, Gebläse, Stahlstäbe, Sound, 2,3 x 8 x 12 m, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek · Devotion Strategy pt. 2 (braced version), 2023, PVC-Gewebe, Gebläse, Stahlstäbe, Sound, 2,3 x 8 x 12 m, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek · Lover and Other Strangers, 2023, Polyurethan, 200 x 400 x 35 cm, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek · Lover and Other Strangers, 2023, Polyurethan, 200 x 400 x 35 cm, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek · Sing me a word of Indoor City, 2023; Tunnel Stalker, 2023; Production of Absence, 2023 (v.l.n.r.), Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Jan Vorisek · Sing me a word of Indoor City, 2023; Tunnel Stalker, 2023; Production of Absence, 2023 (v.l.n.r.), Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann

Fokus

Im Erweiterungsbau des Kunst ­Museum Winterthur bespielt Jan Vorisek drei grosse Räume und zwei Kabinette. Dabei gelingt es dem Manor-Kunstpreisträger, die Erwartungen des Publikums präzise zu manipulieren, wo nötig, zu erfüllen, und im entscheidenden Moment auch zu enttäuschen. Der Rundgang durch die Ausstellung des auch in der Clubszene heimischen Künstlers wird zu einem Erlebnis, das an den Nachhall einer ausufernden Technoparty erinnert. In Analogie zu Rückkoppelung und Verzerrung im musikalischen Kontext setzt Voriseks Ausstellung auf eine unmittelbare und multisensorische Wirkung. ­

Jan Vorisek — Rückkoppelung, Engführung, Nachhall

Wer Jan Voriseks Soloschau im Kunst Museum Winterthur betritt, befindet sich offenbar bereits in einer Zwischenzone: Über dem Durchgang zum nächsten Raum hängt ein Objekt, das hier wie ein Schild für eine skurrile Untergrund-Bar aus einem Science-Fiction-Film der 1980er-Jahre wirkt. ‹Thousand Years of Poor Connection›, 2022, besteht aus einem ovalen Metallgitter, das mit Draht, Papier und Plastikfolie behängt ist, wobei die inszenierte Zufälligkeit an Schranken von Baustellen denken lässt. Ebenso gut könnte das Objekt Teil der Dekoration einer Behausung von Obdachlosen sein, in der Abfall und achtlos Liegengelassenes eine sich Aussenstehenden nicht erschliessende Funktion erfüllen.
An der gegenüberliegenden Wand befindet sich zudem ein modulares Reliefbild aus sechs Polyurethan-Quadern, in die jeweils ein Bogen eingefräst ist. Durch das leicht vergilbte Plastik und die Grösse wirken sie gleichsam skulptural wie auch marode. Der Titel ‹Lover and Other Strangers›, 2023, unterstreicht das Pathos eines künstlerischen Statements, welches wiederum durch die Ästhetik des billigen Materials gebrochen wird. Etwas kleiner, aber nicht unscheinbar hängt an der seitlichen Wand die ebenso eigens für die Winterthurer Ausstellung entstandene Arbeit ‹Anatomy of Delusion›, 2023. Sie erinnert an Verpackungsmaterial von elektronischen Endgeräten, nimmt farblich das gebrochene Gelb des vergilbten Plastiks im Relief ebenso auf wie in der Struktur das Metallgitter des sonderbaren «Wirtshausschildes».

Rückkoppelung und Verzerrung
Das Spiel mit falschen Fährten und sich verändernden Codes gehört zum Repertoire des in Basel geborenen und in Zürich lebenden Künstlers Jan Vorisek (*1987). Indem er seine Objekte in Ausstellungskontexten stets neu kombiniert oder sie gar von einer Materie in eine andere übersetzt, unterwandert er ein allzu eindeutiges Narrativ. Dabei «widmet er sich der Zeitlichkeit und Wandelbarkeit von Systemen», schreibt die Kuratorin Andrea Lutz im Pressetext.
Vorisek vergleicht seine künstlerische Arbeitsweise mit der Anwendung von Soundeffekten wie «Feedback» (Rückkoppelung), «Distortion» (Verzerrung), Hall und Echo im musikalischen Kontext. «Wenn ich Styropor mit schwarzer Farbe bemale, so wirkt das auf visueller Ebene ähnlich wie ein Soundeffekt in der Musik», erklärt er,  «wie wenn man ein Riff aufnimmt und dann durch Verzerrung einen ganz anderen Sound bekommt.» Der experimentelle Ansatz beschränkt sich bei ihm nicht auf die Artefakte selbst, sondern erweitert sich auf deren Präsentation und Inszenierung. Die zu Beginn beschriebene Gitterskulptur wirkte im Kontext einer Ausstellung in der Londoner Galerie Arcadia Missa eher wie eine ironische Kritik am Kunstmarkt und an der Konsumgesellschaft als wie ein Schild am Eingang zu einem «terrain vague».
Hat man dieses Tor in Winterthur passiert, kreieren vier aus Polyurethan gefräste Arbeiten im zweiten Ausstellungsraum eine etwas rätselhafte Irritation: Die Skulptur am Boden wirkt wie ein Architekturmodell, die Werke an den Wänden wie in die Jahre gekommene Verpackungen von hochtechnisierten Geräten aus der Zukunft. In zwei angrenzenden Kabinetträumen sind weiter drei handelsübliche Kunststoffschalungen zur Herstellung von dekorativen Säulen als Readymades in Szene gesetzt. Im Kontext von Voriseks Installation entwickeln die Objekte eine «hauntologische» Qualität, indem sie an einen längst verloren gegangenen techno-positivistischen Fortschrittsglauben des 20. Jahrhunderts erinnern.
Im dritten Saal hingegen sind die Besucher:innen eingeladen, sich in eine pneumatische Konstruktion aus aufgeblasenem Kunststoff zu begeben, die wie eine Hüpfburg gefertigt ist. Das schwarze Plastik hat etwas Beengendes und Beängstigendes, wirkt aber auch wie eine organische Membran. Jan Vorisek erklärt im Gespräch, dass es ihm dabei um eine Erfahrung gehe, die quasi im Bauch wahrgenommen werde: ein gleichzeitiges Gefühl von Angst und Glück. Er verweist auf die durch das Gebläse entstehende Hitze im Raum sowie den Sound des Bläsers. Um die diffuse Wirkung noch zu verstärken, hat er eines der grossen Museumsfenster mit oranger Folie überzogen, die den Aussenraum in eine apokalyptische Dämmerung taucht.
‹Devotion Strategy pt. 2 (braced version)› ist, wie der Titel andeutet, eine Wiederaufnahme der Arbeit ‹Devotion Strategy›, die 2020 im Kunsthaus Glarus ausgestellt war. In Winterthur wird das aufgeblasene schwarze Labyrinth durch eine Metallstruktur ergänzt und ist nicht mehr als Sackgasse konzipiert, sondern führt die Besuchenden zurück in die anderen Räume. Gerade hier liegt ein zentrales Moment von Voriseks Gesamtinstallation: Werden die Skulpturen anfangs als einzelne Exponate wahrgenommen, so verändert sich mit der immersiven Erfahrung des Labyrinths der Blick darauf. Die Objekte werden Teil einer präzisen Transformation des Raums und treten in einen Bedeutungszusammenhang, der sich erst durch die multisensorische Erfahrung erschliesst. Plötzlich scheint alles Sinn zu ergeben, und es bedarf keiner semiotischen Lesart mehr, weil die Werke primär auf die Sinne einwirken.
Die multisensorische Veranlagung seiner Werke scheint besonders schlüssig, da Jan Vorisek nicht nur als Künstler, sondern auch in der experimentellen Musik und Club-Szene als Musiker und Veranstalter tätig ist. Unter anderem ist er Mitorganisator der Veranstaltungsreihe ‹House of Mixed Emotions› (H.O.M.E.). Es liegt also nahe, gewisse Analogien zwischen dem Besuch seiner Installation und dem Besuch eines Clubs oder Raves zu sehen. Die Akustik seines Labyrinths, die darin erfahrene Enge, die etwas an Latex erinnernde Materialität und die erhöhte Temperatur wirken nach, das Brummen des Gebläses dröhnt bis in die anderen Räume. Die vorher noch als Kuriosität abgetane Assemblage aus Weggeworfenem wird mit Bedeutung aufgeladen, ähnlich wie in einem Club die anfangs als schrill und grell wahrgenommene Dekoration nach einigen Stunden des ekstatischen Tanzens plötzlich Sinn machen kann. Eine solche Lesart hat jedoch ihre Tücken. «Eine Party dauert vielleicht eine Nacht, eine Ausstellung aber mehrere Wochen. Diese Zeitlichkeit interessiert mich», sagt Vorisek und differenziert: «Meine Kunst ist sicherlich von der experimentellen Club-Szene beeinflusst, aber wenn die Installation einfach als Ausdruck davon interpretiert wird, so ist das wohl eher ein Klischee.»

Heilsame Enttäuschungen
Die Vielschichtigkeit von Jan Voriseks Arbeiten zeigt sich vor allem in seinem virtuosen Spiel mit den Erwartungen des Publikums sowie den verschiedenen Codes auf Bild-, Text- und Ausstellungsebene. So fügen die Titel seiner Werke der Installation immer eine weitere Lesart oder Stimmung hinzu – das gilt auch für den bewusst mehrdeutigen Ausstellungstitel ‹Edge, Hour, Substance›. Im Gespräch gibt Vorisek zu bedenken, dass viele Leute die Arbeiten dieser Ausstellung nicht im Museum, sondern nur als fotografische Abbilder sehen werden: «Es entstehen Bilder, die ganz bewusst nicht im Einklang mit der Realität sind und die dadurch sichtbar machen, dass der physische Raum wichtiger für das Verständnis meiner Arbeit ist als die dokumentarische Reproduktion. Diese Diskrepanz will ich mit Blick auf die Aufmerksamkeitsökonomie kritisch hinterfragen.» Was andere Kunstschaffende überfordern mag, ergibt für Vorisek also neue Möglichkeiten, mit Erwartungen zu spielen und für sich und seine Kunst Freiräume zu schaffen, indem er auch die eine oder andere Enttäuschung einkalkuliert. So bedienen Arbeiten wie ‹Anatomy of Delusion›, 2023, sowohl auf der Ebene der Titelgebung wie auch der fotografischen Repräsentation die Anforderungen einer medialen Vermarktbarkeit, um die Kommodifizierung der Kunst gleichzeitig aber auch zu unterwandern.
Wenn er nun Elemente der Offspace- und Clubszene in den bildungsbürgerlichen Rahmen eines Kunstmuseums bringe, mache er das mit gemischten Gefühlen. Erfreulicherweise gelingt es ihm aber, etwas von der Grundstimmung dieser ekstatischen Heterotopien in den Museumskontext zu übersetzen. Indem er wie ein Hacker die Codes der Ausstellungssäle Raum für Raum umschreibt, bis im dritten Museumsraum das Exponat selbst zum einnehmenden Raum wird, findet er eine heilsame Balance zwischen Adaption und Verweigerung, zwischen White Cube und Clubkultur.

Andrin Uetz, Musiker, Kulturjournalist und Klanganthropologe, lebt in Basel und Wien. andrin.uetz@gmail.com

 

Bis 
07.01.2024

Jan Vorisek (*1987, Basel) lebt in Zürich
2013 BA, Bildende Kunst, ZHdK, Zürich
2018 MA, Bildende Kunst, ZHdK, Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Music for shipping containers›, Arcadia Missa, London
2021 ‹No Sun›, Swiss Institute, New York
2020 ‹Collapse Poem›, Kunsthaus Glarus
2018 ‹Frontal Possessions›, Liste Art Fair, Basel

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2023 ‹Short Term Amnesia›, Center for Contemporary Art, Karlsruhe
2022 ‹Kaleidoscope Manifesto›, Espace Niemeyer, Paris
2018 ‹Readymades Belong to Everyone›, Swiss Institute, New York
2017 ‹In Awe›, Kunsthalle Exnergasse, Wien
2016 ‹Cos only difference can return my friend›, 83 Pitt Street, New York
 

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Jan Vorisek 16.09.202307.01.2024 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Andrin Uetz
Künstler/innen
Jan Vorisek

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