Hannah Darabi — American Dream in Teheran

Hannah Darabi · Sans titre, 2016, aus der Serie ‹Haut Bas Fragile›, Teheran, 2013–2016

Hannah Darabi · Sans titre, 2016, aus der Serie ‹Haut Bas Fragile›, Teheran, 2013–2016

Besprechung

Ein Stadtgebiet erkunden und dann in Archiven graben: Das ist die Vorgehensweise der iranischen Fotografin Hannah Darabi. Sie hat grosse Stadtplanungsprojekte in Paris und ihrer Heimatstadt Teheran untersucht. Im Centre de la photographie Genève präsentiert sie Arbeiten rund um die visuelle Kultur Irans.

Hannah Darabi — American Dream in Teheran

Genf — Hannah Darabi wurde zwei Jahre nach dem Beginn der iranischen Revolution im Jahr 1979 geboren, als die unter der Schah-Dynastie eingesetzte Modernisierung des Landes ins Stocken geriet. Dennoch ist von der gewaltigen stadtplanerischen Umwälzung Teherans, die 1969 begann, vieles sichtbar, etwa das dichte Autobahnnetz oder neue Stadtviertel. Teheran träumte davon, ein neues Los Angeles zu werden, eine Stadt der modernen Mittelschicht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Schwarz-Weiss-Ansichten kalifornischer und iranischer Städte eingangs der Ausstellung stark ähneln. «Nur wegen des Lichts kann ich Los Angeles von Teheran unterscheiden», gesteht mir die Fotografin im Gespräch. Beiderorts scheint die Sonne unendlich lange, aber die klare, fotogene Atmosphäre des kalifornischen Himmels steht im Gegensatz zu den starken Lichtkontrasten des iranischen Firmaments.
Für die Ausstellung in Genf hat Darabi gemeinsam mit der Kuratorin Danae Panchaud zwei neuere Fotoprojekte zusammengestellt. Das erste trägt den poetischen Namen ‹Soleil of Persian Square›, 2017–2021, und entstand in Südkalifornien und Los Angeles, wo sich seit den 1980er-Jahren die weltweit grösste iranische Diaspora-Gemeinde befindet: daher der Name «Tehrangeles». In Little Persia, den Strassen des iranischen Viertels von L.A., spürte Darabi die unauffälligsten Zeichen der iranischen Präsenz auf: in Farsi geschriebene Schilder oder Strassennamen wie «Persian Square». In den Häusern der iranischen Diaspora fand sie Gegenstände, die für sich selbst sprechen – etwa persische Teppiche. In einer anderen Arbeit, ‹Haut et fragiles›, 2013–2016, zeigt Darabi anhand von Archivmaterial zur iranischen Volksmusik und ihren Sänger:innen, die heute grösstenteils in den USA leben, ein komplexeres Bild von Teheran. Fotos von K7-Covern, Ausschnitte aus Musikvideos und -filmen bilden einen interessanten Kontrapunkt zu dieser spannenden fotografischen Reise.
Darabis Werk ist der Dokumentarfotografie zuzuordnen. Sie selbst betrachtet die US-amerikanischen Dokumentarfotografen der 1960er-Jahre als ihre Vorbilder. «In meinen Bildern sieht man das, was man sehen will», erklärt sie. Es gibt keine konstruierte Erzählung, die Interpretation ist völlig offen. Darabi lebte bis 1996 in Teheran. Derzeit arbeitet sie von Paris aus, wo sie ihr Fotografiestudium absolviert hat, am Bild ihrer Heimatstadt. «Es ist ein gemischtes Bild, ein Patchwork, wie ich», sagt die Fotografin – und lacht.

Bis 
19.11.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Hannah Darabi 13.09.202319.11.2023 Ausstellung Genève
Schweiz
CH
Künstler/innen
Hannah Darabi
Autor/innen
Ingrid Dubach-Lemainque

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