Guido Baselgia — Wunderwerke oder von der Energie der Fotografie

Guido Baselgia · Luftfarben No. 11, Piz Languard, 300° nordwest, 23.8.2022, 6:04 Uhr, Farbfotografie hinter Museumsglas kaschiert, 100 x 80 cm

Guido Baselgia · Luftfarben No. 11, Piz Languard, 300° nordwest, 23.8.2022, 6:04 Uhr, Farbfotografie hinter Museumsglas kaschiert, 100 x 80 cm

Guido Baselgia · Luftfarben No. 13, Piz Languard, 120° südost, 18.9.2022, 19:46 Uhr, Farbfotografie hinter Museumsglas kaschiert, 100 x 80 cm

Guido Baselgia · Luftfarben No. 13, Piz Languard, 120° südost, 18.9.2022, 19:46 Uhr, Farbfotografie hinter Museumsglas kaschiert, 100 x 80 cm

Guido Baselgia · Luftfarben No. 10, Silsersee, 225° südwest, 17.12.2021, 16:19 Uhr, Farbfotografie hinter Museumsglas kaschiert, 180 x 226 cm

Guido Baselgia · Luftfarben No. 10, Silsersee, 225° südwest, 17.12.2021, 16:19 Uhr, Farbfotografie hinter Museumsglas kaschiert, 180 x 226 cm

Guido Baselgia · Light Fall No. 40, Durch die Mitte des Tages, Norwegen, 20.11.2011, Silbergelatine auf Barytpapier, 96 x 120 cm

Guido Baselgia · Light Fall No. 40, Durch die Mitte des Tages, Norwegen, 20.11.2011, Silbergelatine auf Barytpapier, 96 x 120 cm

Guido Baselgia

Guido Baselgia

Fokus

Was will und kann analoge Fotografie heute von der Gegenwart berichten? Was bleibt bestehen beim Blick zurück auf fünfzig Schaffensjahre, und was kommt neu zum Vorschein? Erstmals ist das Werk von Guido Baselgia in einer retrospektiv angelegten Ausstellung im Kunsthaus Zug zu entdecken. Sie bringt essenzielle Fragen – und Momente des Glücks. In Farbe.

Guido Baselgia — Wunderwerke oder von der Energie der Fotografie

Welche Überraschung! Der Meister der Grautöne in der analogen Fotografie wartet mit neuen Werken auf, die nie gesehene Farben zeigen, in sich selbst leuchtend, malerisch und magisch. Doch das kommt als Highlight in der dramaturgisch geschickt konzipierten Retrospektive von Guido Baselgia im Kunsthaus Zug erst am Schluss. Und überraschend leise, fast bescheiden, als konsequenter Schritt, nicht als Bruch. Möglicherweise ist das erst der Anfang.
Die ‹Luftfarben› genannten Bilder bringen uns in Bewegung, machen – zumindest zu Beginn – fast närrisch, ja trunken, nach dem Gang durch alle Ausstellungsräume mit präzisest nuancierten Schwarz-Weiss-Fotografien. Zurücktreten. Näherkommen, Brille rauf, Brille runter – es funktioniert nicht, Schärfe will sich nicht einstellen. Erst mit der Zeit kommt Ruhe in die Betrachtung, in den Raum. Andächtiges ist angebracht. Ein traumartiger Zustand macht sich breit, eine Art Verzauberung bei gleichzeitig grosser Klarheit. Sigmar Polkes Fotoexperimente mit radioaktivem Gestein tauchen in Gedanken auf.

Die Wirklichkeit in der Unschärfe der Welt
Das Betrachten der aufgehenden und untergehenden Sonne ist eine uralte Meditationspraxis, soll negative Gedanken vertreiben, Körper, Geist und Seele stärken. Es ist weltweit wohl das meist fotografierte Sujet. Guido Baselgia jedoch fängt mit ‹Luftfarben› das Licht ohne Sonne ein, ihn interessiert es, die Dämmerung, das Vor- und Nachleuchten, den Erdschatten festzuhalten. Er tut dies als Künstler, aber auch als Fotoreporter, als Forscher und Handwerker, der alles so weit wie möglich selbst macht. Er beruft sich auf Wissenschaftsprojekte und Studien wie jene des Geologen Albert Heim und dessen Publikation ‹Luft-Farben› von 1912, auf Aristoteles und Leonardo da Vinci. Und setzt deren Untersuchungen auf seine Art fort.
«Die Bilder sind nicht unscharf», bemerkt Guido Baselgia, «es ist pure Erscheinung, die Brechung des Sonnenlichts in der Atmosphäre, der Urzustand von Farbe.» Es ist, als würden uns die ‹Luftfarben› das Flirren von unsichtbaren Wasserteilchen sehen, den Wind spüren und die begrenzte Leistung der Augen überwinden lassen. Ist es der Atem der Fotografie? Ihre Seele? Eine Vision? Ob auf dem Piz Languard, am Silsersee, am Julier, in der Normandie oder in Norwegen entstanden, die Aufnahmen geben uns ein Gefühl für die klimatischen Entstehungsbedingungen der Fotografien. Das Bild produziert sich selbst und zeigt sich uns zeitverzögert. Baselgia sagt, ihn interessiere hier nicht die Landschaft als Motiv, sondern die Farbe in der Atmosphäre.
Ausgelöst wurden die neuen Bilder durch die Möglichkeit, auf der Bernina-Passhöhe für den neuen Strassenunterhaltsstützpunkt von Bearth & Deplazes Architekten eine fotografische Arbeit zu realisieren. In Fortsetzung der Tradition der Panoramamalerei, wie sie im nahen Segantini Museum zu erleben ist, entschied sich Guido Baselgia für ein Live-Panorama zuoberst im Kies-Siloturm, den er zu einer gigantischen, öffentlich zugänglichen Camera obscura umfunktionierte. So kommt die grandiose Landschaft des Cambrena-Massivs über die Öffnung im Massivbetonbau und die linsenlose Blende in den runden Innenraum und macht den Zweckbau zum Observatorium der sich verändernden Natur. «Ich will herausfinden, was das Licht macht.» Es braucht Zeit, bis sich die Augen an die Dunkelheit in dieser grossen Camera obscura gewöhnt haben, dann aber erscheint das Gebirge von gegenüber in sachter Farbigkeit als Gebilde in einem Himmel, der den Boden gibt.
Auf Fotopapier als Triptychon festgemacht, sind diese ‹Lichteinfälle› in der Ausstellung zu entdecken, zusammen mit rund zweihundert weiteren ausgewählten Arbeiten aus Baselgias früheren Werkkomplexen. Es sind Kondensate aus einem halben Jahrhundert, die Wendepunkten nachgehen und Verbindendes finden: Ein dunkel leuchtendes Bild vom Lago Bianco ist 1981 entstanden und nimmt die Faszination am Moment vorweg, in dem Gegenständliches an Bedeutung verliert und nur noch eine Ahnung ist von Licht und Reflexion. Er suche den Moment, wo das Bild in der Dunkelheit verschwinde, formuliert es der Fotograf heute.

Das Licht und seine Abwesenheit
Inversionen, die Weiss als Schwarz und Schwarz als Weiss zeigen und den Unterschied aufheben – Positiv und Negativ, Oben und Unten verlieren ihre Bedeutung, Mikro und Makro legen sich übereinander. Ist es Tag oder Nacht, Winter oder Sommer, Schnee oder Sand, Erinnerung oder Erfindung? Trotz höchster Präzision wird das Auge verwirrt. Die Feinheiten von Grautönen in Werken aus ‹Hochland›, 2001, ‹Silberschicht›, 2008, aus dem Salar de Uyuni in Bolivien oder Bilder aus dem Urwald von 2020 – das Licht und seine Abwesenheit leiten den Fotografen, Polarnacht und Mitternachtssonne, ein unstillbarer Durst und Lust nach weiteren Erkenntnissen und Experimenten. Die Aufmerksamkeit gegenüber Landschaften schliesst auch deren Bewohner:innen mit ein. In Südamerika, aber bereits auch in Osteuropa ab Mitte der 1980er entstehen Porträtaufnahmen, die ohne gegenseitiges Vertrauen undenkbar sind. Auch die ‹Light Fall›-Bilder, mit denen es Guido Baselgia seit 2011 gelingt, den Lauf der Sonne als Lichtstrahl festzuhalten, können als eine Art Porträt gelesen werden – nicht die ikonische Landschaft des Silsersees vom Sasc da Corn gibt das Sujet, sondern das Licht selbst. Und Zeit. Das erste ‹Light Fall›-Bild entsteht unmittelbar nach Baselgias Umzug in die Bündner Herrschaft in ein Haus mit Fotoatelier im Untergeschoss und Observatorium auf dem Dach. Das jüngste stammt aus der Dachkammer des Kunsthaus Zug: Während einer Blendenöffnungszeit von mehr als vier Stunden streifte das Licht die Kirchenspitze und verlor sich im Steg von Tadashi Kawamata. Damit startet der Ausstellungsteil der Reportagearbeiten.
Wendepunkte, Schnittstellen, Grenzlinien ziehen den Fotografen an. Noch vor der Wende reist er nach Berlin, in die DDR. Und kaum ist die militärische Sperrzone aufgehoben, zieht es Baselgia 1990 nach Galizien – in die heutige Westukraine. Er gerät in eine Demonstration für die Unabhängigkeit – und in eine für Stepan Bandera (1909–1959), den nationalistischen, rechtsextremen ukrainischen Politiker. Auf einen Schlag ist die Aktualität der Vergangenheit Gegenwart. Und die Komplexität von Krieg und Konflikt Realität. Der Umfang der Gräueltaten der Nazis am Prut bei Czernowitz war noch nicht bekannt, als Baselgia diese «kontaminierte Landschaft» – um ein Buch des österreicherischen Autors Martin Pollack zu zitieren, das in der Ausstellung ebenfalls Platz findet – fotografierte. Welche intensiven interdisziplinären Vorbereitungen Guido Baselgia jeweils vor seinen Reisen unternimmt, belegen Tischvitrinen in der Ausstellung.

«Meine fotografische Arbeit ist begleitet von breit angelegten Recherchen. Mit den astrophysikalischen Bedingungen der Gestirne beschäftige ich mich seit 15 Jahren. Die Camera obscura Bernina dient mir auch als Observatorium. Sie bietet einen Ort der Kontemplation, die Möglichkeit, Wahrnehmungsphänomene zu ergründen. Ich will sehen, wie die Sonne ihre Spur in die Dunkelheit der Camera obscura legt, herausfinden, wie die Konstellation von Raum und Zeit ist.» Guido Baselgia, Malans, 15.9.2023

Fotografien gegen die Manipulierbarkeit
Diesen Sommer ist der Künstler siebzig Jahre alt geworden. 1970 verlässt er, gerade mal 17-jährig, Pontresina. Der saisonal geprägte Gastrobetrieb des Elternhauses hält ihn nicht. Was aus ihm werden soll, weiss er nicht, nur, dass er weg will. Mit auf den Weg aber nimmt er den Geruch jener Chemikalien, die den Bildern auf dem belichteten Fotopapier Sichtbarkeit geben: Die Familie Baselgia wohnte über dem Fotogeschäft und Kinobetrieb Schocher. Eher aus der Not habe er sich für eine Lehre als Hochbauzeichner entschieden. Er kommt nach Zug. Mit dem ersten Lohn habe er sich eine eigene Kamera gekauft. Er überlegt sich, in Düsseldorf Architektur zu studieren, weiss dann aber bald, dass er Fotograf werden will, bewirbt sich für die Fotoklasse, wird aufgenommen, einer von sechs bei 90 Bewerbungen. Guido Baselgia erinnert sich an die Prüfungsaufgaben, als wäre es gestern gewesen. Das Bild eines Jungen mit verzerrtem Gesicht und einer Handgranate in der Hand, das er beschreiben muss, habe ihn getroffen. Erst Jahre später hat er erfahren, dass das Ikonenbild von Diane Arbus nicht im Vietnamkrieg, sondern im Central Park in New York beim Spielen entstanden ist. Mit dieser Erfahrung sind Fragen verbunden, die ihn bis heute umtreiben. Radikal. Was kann die Fotografie? Was kann das menschliche Auge, das Hirn, die Wahrnehmung? Wie erkenne ich Wirklichkeit und wie zeige ich sie? «Unsere eigene Wahrnehmung ist so sehr manipulierbar, dass wir die Wahrheit immer wieder suchen müssen.»

Die Zitate stammen aus einem Gespräch der Autorin mit Guido Baselgia in Malans am 15.9.2023.

Ursula Badrutt, aufgewachsen in Chur, ist Kunsthistorikerin, arbeitet u. a. als freie Kunstkritikerin und Autorin, lebt in Herisau und Maloja. ursula.badrutt@hispeed.ch

→ ‹Guido Baselgia – Lichtstoff und Luftfarben›, Kunsthaus Zug, bis 4.2.; Begleitpuplikation mit einem Text von Matthias Haldemann und einem Epilog von Guido Baselgia, ­Berlin: Hatje Cantz, 2023; Filmporträt ‹Guido Baselgia – The Dark Light›, 2023, von Caspar Nicca ↗ kunsthauszug.ch
→ Camera obscura Bernina, Bernina-Pass, geführte Besichtigung jeweils von Juni bis Oktober möglich ↗ camera-obscura.ch

Guido Baselgia (*1953, Pontresina) lebt nach 40 Jahren in Baar und Zug seit 2010 in Malans
1974 Lehrabschluss Hochbauzeichner
1975–1979 Ausbildung zum Fotografen an der Kunstgewerbeschule Zürich (heute ZHdK)
Seit 1983 eigenes Atelier als selbstständiger Fotograf

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Ortzeit›, Galleria Edizioni Periferia, Luzern
2019 ‹Als ob die Welt zu vermessen wäre›, Fotostiftung Schweiz, Winterthur
2008 ‹Silberschicht›, Museum im Bellpark, Kriens
2004 ‹Weltraum›, Kunsthaus Zug
2003 ‹Hochland›, Fundaziun Nairs, Scuol
2001 ‹Hochland›, Bündner Kunstmuseum Chur und Kunsthalle Erfurt

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Im Wald – Eine Kulturgeschichte›, Landesmuseum Zürich
2019 ‹Fly me to the Moon›, Kunsthaus Zürich und Museum der Moderne, Salzburg
2015 ‹Imago Mundi – Mappa dell’arte nuova›, Fondazione Giorgio Cini, Venedig
2010 ‹Foto Szene GR›, Bündner Kunstmuseum Chur
2009 ‹Schnee, Rohstoff der Kunst›, Vorarlberger Landesmuseum, Bregenz
2007 ‹Top of Central Switzerland›, Kunstmuseum Luzern
2004 ‹Metamorph›, 9. Architekturbiennale Venedig
 

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Guido Baselgia — Lichtstoff und Luftfarben 30.09.202304.02.2024 Ausstellung Zug
Schweiz
CH
Autor/innen
Ursula Badrutt Schoch
Künstler/innen
Guido Baselgia

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