Franziska Furter — Tretminen im Aquarium

‹Franziska Furter – Making Waves›, 2023, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

‹Franziska Furter – Making Waves›, 2023, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Besprechung

Die ortsspezifische Installation beginnt bereits im schmalen Treppenhaus: Ein Hauch von Türkis strahlt über die Betonsichtwand und lenkt den Schritt und die Neugierde in den Laborraum des Bündner Kunstmuseum Chur. ‹Making Waves› von Franziska Furter wirft disparate Wellen.

Franziska Furter — Tretminen im Aquarium

Chur — Atelieraufenthalte an unterschiedlichen Orten seien für ihr künstlerisches Schaffen wegweisend, betont Franziska Furter (*1972). Die künstlerischen Entscheidungen und die Stimmung im Laborraum des Bündner Kunstmuseums hat die in Basel lebende Künstlerin aus ihrer dreimonatigen Residency in der Fundaziun Nairs im Unterengadin im Sommer 2022 gefiltert. Ein vorgängig zurechtgelegtes Konzept musste sie zwar über den Haufen werfen und vor Ort in Chur die einzelnen Raumelemente neu ausrichten. «Meine Arbeiten entstehen stets in Prozessen, die ich nicht vorhersehen kann.» In vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Zufall sitzt ‹Making Waves› nun umso präziser.
Ihr Atelier in Scuol befand sich im ehemaligen Heizungsraum der Bäderanlagen mit Sicht auf den Inn. Der aufmerksame Blick der Künstlerin labte sich an den zwischen Braungrau bis Sonnentürkis wechselnden Flussfarben. Da entdeckte sie auf dem schmalen Band zwischen Hauswand und Wasser Nester von Nägeln und anderen Metallteilen – möglichweise Überreste von für die Erwärmung des Badwassers genutzten alten Brettern. Sie haben Rost und Ablagerungen zugelegt, verklumpten. Die Künstlerin hat sie nun mittels Magnetkugeln zu ‹Small Fires› arrangiert und in Chur auf dem Terrazzoboden des Laborraums gruppiert. Eigentlich wollte sie sie wie kleine Wesen auf die Beine stellen, wie in ihrer Ausstellung bei Lullin + Ferrari in Zürich. Nun liegen sie auf dem Rücken und strecken die Glieder von sich. Kleine Feuer gegen den Frost? Zusammen mit den feinen, von Furter eigenhändig aufgezogenen silbernen Glasperlen-Schnüren eröffnen sie ein weites Assoziationsfeld, von in Fischernetzen verhedderten Seeigeln über tote Spinnen vor zerstörten Spinnweben bis zu von den Fluten des Hochwassers angespülten Tretminen. Oder ist alles einfach ein grosses Aquarium in der Zahnarztpraxis?
Die Ambivalenz der Raumerfahrung ist der Künstlerin wichtig, und sie spiegelt sich im Titel. ‹Making Waves› ist aber auch eine Referenz an Nancy Holt. Die US-amerikanische Land-Art-Künstlerin und Poetin hält in einer 1972 entstandenen gleichnamigen Zeichnung, die an grafische Darstellungen wissenschaftlicher Auswertungen erinnert, die Präsenz ihrer drei Ichs im Verlauf eines Tages fest, das künstlerische, das feministische, das mystische. Die Leseart der Glasperlen-Installation ‹Atoms of Delight› erweitert sich zu Fieber-, Erfolgs- oder Wasserstandkurven.

Bis 
26.11.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Franziska Furter — Making Waves 16.09.202326.11.2023 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Autor/innen
Ursula Badrutt Schoch
Künstler/innen
Franziska Furter

Werbung