Dimitra Charamandas — Tanz mit den verborgenen Kräften der Natur

Dimitra Charamandas · Auricular whorls and Crest, 2023, Keramik, glasiert, 1 von 3 Objekten, ca. 60 x 50 x 26 cm, installiert in Juramergel, Ansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Auricular whorls and Crest, 2023, Keramik, glasiert, 1 von 3 Objekten, ca. 60 x 50 x 26 cm, installiert in Juramergel, Ansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Caldera, Heat, 2023, Acryl auf Baumwolle, 183 x 430 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Caldera, Heat, 2023, Acryl auf Baumwolle, 183 x 430 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Farther back fluffy hairs / Sway suspended like seaweed – Sand, 2021, digi­talisierter Super-8-Film, 1’32’’, Loop, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Farther back fluffy hairs / Sway suspended like seaweed – Sand, 2021, digi­talisierter Super-8-Film, 1’32’’, Loop, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Milieu (Fireflies), 2023, Acryl auf Baumwolle, 140 x 120 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Milieu (Fireflies), 2023, Acryl auf Baumwolle, 140 x 120 cm, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Inland body of water (Edge), 2023, Acryl auf Baumwolle, 210 x 170 cm, ­Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas · Inland body of water (Edge), 2023, Acryl auf Baumwolle, 210 x 170 cm, ­Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

Dimitra Charamandas. Foto: Stefan Holenstein

Dimitra Charamandas. Foto: Stefan Holenstein

Fokus

Dimitra Charamandas spürt in Gemälden, Filmen und Objekten den Kräften nach, die die Natur formen und bedrohen. Vulkanische Energien interessieren sie ebenso wie meteorologische Phänomene. Die körperliche Erfahrung, sich in der Landschaft, aber auch vor der Leinwand zu bewegen, ist ein zentrales Moment ihrer Arbeit. Und auch die Schönheit der Landschaft spielt eine Rolle in den Werken von Dimitra Charamandas. Das Kunstmuseum Solothurn zeigt die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin. 

Dimitra Charamandas — Tanz mit den verborgenen Kräften der Natur

Ein Ausstellungsaal wie eine Sommerlandschaft. Wände in den Brauntönen sonnendurchtränkter Erde. Helle Stoffbahnen, die wie leichte Schattenspender im Raum hängen. Dazwischen, auf kleinen Bildschirmen und Projektionsflächen, drei Filme, die das Sommerthema weiterzutragen scheinen: ein von Meerwasser umspülter Felsen, eine Ebene mit Aufschüttungen roter Erde und ein etwas rätselhafter, sehr flimmeriger Film, der Aufnahmen von Steinen und Felsen zeigt und eine Person am Strand, die Sand aufhäuft. In diesem Film, ‹Farther back fluffy hairs / Sway suspended like seaweed – Sand›, 2021, ist alles sehr hell. Zu hell, um es richtig erkennen zu können. Zudem sind die Aufnahmen sehr grobkörnig. Das hat etwas Pointillistisches, aber auch eine irritierende Komponente: Die Bilder wirken wie eine visuelle Wiedergabe grosser Hitze. Sie erinnern an Aufnahmen aus Hiroshima nach dem Atombombenabwurf. Ein begleitender, dumpfer Bass-Sound verschärft das Unbehagen, er ist kaum hörbar, eher eine dunkle Vibration im Raum.
Die schweizerisch-griechische Künstlerin Dimitra Charamandas (*1988) arbeitet mit unterschiedlichen Techniken und Materialien: Malerei, Foto, Objekte, Film, Performance. Die verschiedenen Arbeitsweisen befruchten sich wechselseitig, denn die Themen, die Charamandas bearbeitet, sind unabhängig vom Medium stets die gleichen, und sie sind eng miteinander verbunden. Um Landschaften geht es, um Körper und um die Kräfte, die auf sie einwirken. Dabei stehen nicht Naturräume und Figurendarstellungen im traditionellen Sinn im Fokus, sondern der Versuch, mit Farbe und Filmapparat zu erfassen, wie verschiedene Energien sowohl Landschaften als auch Körper prägen.

Der Geschmack der Landschaft
‹Tides›, Gezeiten, heisst die Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn. Sie versammelt Werke, die grösstenteils durch einen Aufenthalt am Golf von Korinth angeregt wurden. Der Titel spielt auf die grossen Kräfte an, die auf die Natur und auch auf uns einwirken: Gravitationskräfte, vulkanische Energien, meteorologische Phänomene. Hitze etwa war dieses Jahr, und auch bereits in den letzten Sommern, ein gros­ses Thema in den Medien. Wie wirken sich lange, intensive Hitzephasen auf Pflanzen, Tiere und Menschen aus, die an ein gemässigtes Klima gewöhnt sind? Eine Arbeit wie ‹Farther back fluffy hairs / Sway suspended like seaweed – Sand› knüpft an diese aktuellen Diskurse an und holt gewissermassen die Hitze selbst ins Bild. Auf der Motivebene ist der Film harmlos, zeigt Landschaften, Strandaufnahmen. Das Unscharfe, Geisterhafte der Bilder erinnert an das erschöpfend grelle Licht heisser Sommertage, das die Farben verblassen und die Konturen schmelzen lässt. Dimitra Charamandas hat hierfür einen bereits abgelaufenen Super-8-Film verwendet. Doch auch, wenn man diesen Hintergrund zur Entstehung nicht kennt, so spürt man doch etwas zugleich Schrilles und Fragiles, das von diesen Aufnahmen ausgeht. Die Künstlerin, die in Solothurn und Athen zu Hause ist, erwähnt, wenn sie über diese Arbeit spricht, auch die Waldbrände, die in diesem Sommer auf Rhodos gewütet haben, und die Fotos, die im Hintergrund verkohlte Wälder und davor badende Touristen gezeigt haben.
Man muss nicht an Rhodos denken. Die Arbeiten von Dimitra Charamandas sind weder didaktisch noch plakativ. Es geht ihr nicht um Forderungen oder Behauptungen, vielmehr versucht sie, mithilfe der Kunst die verborgenen Energien, die auf die Natur einwirken, sichtbarund auf eine ästhetisch-subjektive Weise erfahrbar zu machen. Das gilt auch und vor allem für ihre Malerei. Dimitra Charamandas malt, als fahre sie mit dem Pinsel suchend an den Rändern der tektonischen Platten entlang. Ihre Bilder entstehen immer aus einer direkten, körperlichen Erfahrung des Naturraums heraus. Sie unternimmt lange Streifzüge in die Berge und durch Küstenregionen. Dabei fotografiert sie, zeichnet, filmt, macht sich schriftliche Notizen und sammelt kleine Fundstücke: Muscheln, Steine. Durch dieses physische Erkunden ergibt sich für sie ein runderes, vollständigeres Bild der Landschaft: «Ich erfahre einen Berg anders, wenn ich ihn hinauf- und hinablaufe. Und ich nehme eine Umgebung anders wahr, wenn ich sie schmecke.» In performativen Arbeiten, die die Ausstellung begleiten, lädt die Künstlerin dazu ein, die Sinne zu öffnen und eigene Erfahrungen über das Visuelle hinaus zu machen und zu verarbeiten. Sie bietet Schreibexperimente und ein Essen umgeben von Kunst an. Diese Angebote verstehen sich nicht als Begleitprogramm im traditionellen Sinn, sondern sind integraler Bestandteil ihres Werks.

Tanz der Formate
Im Atelier übersetzt die Künstlerin ihre in der Natur gewonnenen Eindrücke in grossformatige Gemälde. Es entstehen keine klassischen Landschaftsbilder, keine Landschaftsbeschreibungen, eher Stimmungsgedichte. Grosszügige Farbflächen greifen Strukturen und Töne der Landschaften auf, durch welche sich Charamandas bewegt hat, ohne diese abzubilden. Wichtig ist ihr, dass auch die künstlerische Umsetzung mit einer körperlichen Erfahrung verbunden ist. ‹Shifting alliances›, 2023, ein breites Acryl-Bild, in dem das tiefe Blau weiter Wassermassen dominiert, wurde teils hängend, teils liegend gemalt, immer mit grossem Bewegungseinsatz der Künstlerin. Dieser Gestaltungsprozess ähnelt einem Tanz, in den sich auch das Publikum einreihen kann: An der über vier Meter breiten Leinwand ‹Caldera, Heat›, 2023, kann man entlangspazieren. In Gedanken kann man hineinwandern in das Bild, um auf dem Rand eines vulkanischen Kraters zu balancieren.
Dimitra Charamandas hat eine ganze Reihe von Calderen gemalt. An den Kesselgebilden vulkanischen Ursprungs interessieren sie nicht nur die enormen Energien, die in Vulkanen schlummern, sondern auch die Schwefelablagerungen, die sich oft an Kratern finden. Schwefel kann, je nachdem mit welcher Substanz er reagiert, gesundheitsfördernd oder hochgiftig sein. Es ist diese Ambivalenz, welche die Künstlerin fasziniert. Sie sucht in ihren Arbeiten die Auseinandersetzung mit Kräften, die sowohl zerstörerisch als auch konstruktiv sein können. Um sich ihnen künstlerisch annähern zu können, wählt sie immer wieder neue Ausdrucksformen, neue Formate, neue Techniken. Sie verlässt dabei bewusst die Komfortzone des Erprobten: «Forschen, experimentieren bedeutet, sich am Rand von Sicherheit zu bewegen.»
Im Kunstmuseum Solothurn hängen zwischen den grossformatigen Gemälden kleine, sehr kleine Bilder. Gerade einmal so gross wie Postkarten. Sie zeigen abstrakte Strukturen, die an die Farben von Landschaften oder auch an die Flügel von Insekten erinnern. Der Wechsel der Formate ist bewusst gesetzt. «Es ist ein Spiel von Nähe und Distanz, eine Art Tanz», sagt Dimitra Charamandas. Auch in der Komposition der Ausstellung findet sich so ebenfalls das für die Künstlerin charakteristische Motiv der Bewegung und der unterschiedlichen Energien.
Im letzten der Ausstellungsräume hängt das bereits beschriebene Gemälde ‹Caldera, Heat›. Auf dem Boden sind sichelförmige Sandhaufen aus hellem Juramergel aufgeschüttet, aus denen Keramikobjekte ragen. Bei den Keramiken der Installation ‹Auricular whorls and Crest›, 2023, handelt es sich um stark vergrösserte Nachbildungen von Schneckengehäusen. Diese Art der Installation hat – ebenso wie die Bilder – etwas sehr Sinnliches. Dimitra Charamandas scheut sich nicht, auch die schöne, die einladende Seite von Naturphänomenen zu zeigen. «Kunst darf auch sinnlich sein», sagt sie, «das muss kein Gegensatz zum Rationalen sein.» Im Gegenteil, erst durch die Verquickung sinnlicher Naturwahrnehmung und rationaler Analyse entsteht ein vollständiges Verständnis für die Natur. Die Ausstellung macht dieses Zusammenspiel eindrücklich erfahrbar.

Alice Henkes, Redaktorin bei Radio SRF2 Kultur und Autorin von Kunstbulletin, lebt in Biel. alice.henkes@bluewin.ch

→ ‹Dimitra Charamandas – Tides›, Kunstmuseum Solothurn, bis 31.12.; Buchvernissage mit Musik­performance und kulinarischer Intervention: 28.10.; Essen organisiert von Dimitra Charamandas, Laurie Mlodzik und Meret Kaufmann: 2.12., auf Anmeldung ↗ kunstmuseum-so.ch

Bis 
31.12.2023

Dimitra Charamandas (*1988, Solothurn) lebt in Solothurn
2009/10 Gestalterischer Vorkurs Biel, Hochschule der Künste Bern
2010–2013 Bachelor, Hochschule Luzern – Design & Kunst
2020–2022 Master Fine Arts, Institute Art Gender Nature, HGK FHNW, Basel

Einzel- und Duo-Ausstellungen (Auswahl)
2023 ‹A Colored Blanket Over Invisible Things›, mit Marcel Freymond, König Büro, Zürich; ‹Little inlets›, Helvetia Art Foyer, Basel
2022 ‹Bassa Marea›, Museo Castello San Materno, Ascona; ‹Do not take me for granite›, Gallery Ann Mazzotti, Basel; ‹Body of Water, Body of Stone›, Gypsum Gallery, Kairo
2021 ‹Fragility›, mit Oliver Krähenbühl, Haus der Kunst St. Josef, Solothurn
2018 ‹As we sink we melt›, Galerie Soon, Bern; ‹An der Kante›, Salon Mondial der Christoph Merian Stiftung, Münchenstein, Basel
2016 ‹Uncertain ground›, Galerie Schnitzler & Lindsberger, Graz; ‹20m2 – Fenster ins Atelier von Dimitra Charamandas›, Kunsthaus Grenchen

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Winterhilfe›, Haus der Kunst St. Josef, Solothurn
2016 ‹Freispiel›, Graphisches Kabinett, Kunstmuseum Solothurn
2017 ‹Sechsunddreissigminus›, Kunsthalle Luzern

 

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Dimitra Charamandas 17.09.202331.12.2023 Ausstellung Solothurn
Schweiz
CH

Werbung