In anderen Räumen — Wälz dich herum und lebe

Judy Chicago · Feather Room, 1966–2023, Ausstellungsansicht Haus der Kunst, München © ProLitteris. Foto: Constantin Mirbach

Judy Chicago · Feather Room, 1966–2023, Ausstellungsansicht Haus der Kunst, München © ProLitteris. Foto: Constantin Mirbach

Besprechung

Mit ‹In anderen Räumen› erzählt das Münchner Haus der Kunst die Geschichte des Environments zwischen 1956 und 1976 neu – ausschliesslich mit Werken von Künstlerinnen. Nicht wenige unter ihnen laden zum Trip durch den weiblichen Körper ein, dessen Erkundung stets auch ein politisches Statement war.

In anderen Räumen — Wälz dich herum und lebe

München — Am Eingang zum Haus der Kunst muss man die Schuhe ausziehen, danach führt eine Art Barfusspfad durchs Museum. Wer sich durch den Schlitz in Lygia Clarks abstrahiertes Befruchtungs-Labyrinth ‹A casa é o corpo. Penetração, ovulção, germinação, expulsão› wagt, tritt in Dunkelheit auf weiche, runde Objekte. Oder man stürzt sich in Marta Minujíns quietschbuntes Kissen-Gekröse ‹¡Revuélquese y viva!› (Wälz dich herum und lebe). Ja, diese Kunst will erlebt und ertastet werden.
‹In anderen Räumen› ist ein Parcours durch die weibliche Installationskunst, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, überzeugend kombiniert. Den Auftakt macht ‹Red (Shape of Mosquito Net)›, das älteste Werk: ein hängender, offener Quader aus Vinylplanen, den Tsuruko Yamazaki 1956 in einem Park installiert hatte. Das grösste Environment nimmt die Mittelhalle ein: Aleksandra Kasubas ‹Spectral Passage› ist eine zeltartige Struktur in Regenbogenfarben, die sinnbildlich die Stationen des Lebens streift. Höhlungen aus Stretchgewebe nehmen einen freundlich auf, man schwebt über kuschelweichen Teppich, begleitet von Gustav Holsts ‹Planeten›-Klängen.
Pioniere der Installationskunst wie Kurt Schwitters oder Allan Kaprow, der 1958 den Begriff «Environment» für sein eigenes Werk prägte, sind nur ideell präsent. Während später die Pop-Art-Künstler wie Schöpfergötter Figurenszenarien arrangierten und die Minimalisten auf das Elementare, Licht und Raum, setzten, nehmen die Frauen sich selbst in den Blick und führen auch das Publikum mitten hinein in ihr Innerstes. Zwar muss Niki de Saint Phalles betretbare Riesen-Nana fehlen, die nach der Schau 1966 in Stockholm zerstört wurde. Doch zur Begehung des abstrahierten Mutterleibs lädt Lea Lublins transparenter Tunnel-Pneu ‹Penetración/Expulsión (Fluvio Subtunal)› ein. Provokant und mutig war dies zu einer Zeit, in der Künstlerinnen oft kaum ernstgenommen wurden. Im Macho-Land Argentinien unter der Militärjunta, wo die gebürtige Polin Lublin lebte, enthielt die Penetrationsplastik auch ein politisches Statement. Tania Mouraud wiederum schuf mit ‹We used to know› eine Kammer des Schreckens, in der grelle Scheinwerfer, unerträgliche Hitze und ätzender Sound den Aufenthalt zur Qual machen. In einer katastrophalen Welt wie dieser gebe es keinen Grund, das Publikum zu bespassen, kommentiert sie ihre Arbeit. ‹In anderen Räumen› ist bei aller konzeptuellen Multisensualität ein Ort, an dem männliche Gewalt paraphrasiert und harter Stoff verhandelt wird.

Bis 
10.03.2024

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